Interview mit Ursula Göhring, Vorsitzende bdia, LV Bayern
Interview mit Ursula Göhring, Vorsitzende bdia LV Bayern
Die Antworten sind mit dem zweiten Vorsitzenden des bdia, Thomas Bieber, abgestimmt.
Was hat Sie dazu bewogen, sich für das Amt des Vorstands zur Wahl zu stellen?
Mich ehrenamtlich zu engagieren, war für mich immer auch eine Frage von Verantwortung. Wenn man über viele Jahre in einem Beruf arbeitet, ihn schätzt, ihn aber zugleich in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu eng oder zu oberflächlich dargestellt sieht, dann entsteht irgendwann der Wunsch, sich einzubringen.
Mein persönlicher Fokus liegt dabei auf zwei Themen: fachlicher Austausch und Sichtbarkeit. Innenarchitektur ist weit mehr als Gestaltung von Oberflächen. Sie ist eine planende, verantwortliche und gesellschaftlich relevante Disziplin. Sie arbeitet an Nutzung, Bestand, Atmosphäre, Funktion und Identität. Sie gestaltet nicht nur Räume, sondern Bedingungen: für Arbeit, Bildung, Begegnung, Gesundheit, Orientierung und Alltag.
Genau dafür möchte ich mich einsetzen. Ich möchte dazu beitragen, Innenarchitektur in Bayern stärker als eigenständige Fachrichtung zu positionieren – gegenüber Politik, Verwaltung, Kammern, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Gleichzeitig ist mir wichtig, den Landesverband zugänglicher, aktiver und auch jünger aufzustellen. Wir brauchen den Austausch zwischen erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, jungen Büros, Absolventinnen und Absolventen sowie den Hochschulen. Dass wir mit Katharina Ehrenberger bereits eine junge Kollegin für die Vorstandsarbeit gewinnen konnten, die sich im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit engagiert, ist dafür ein sehr schönes Signal.
War die Doppelspitze von Anfang an geplant?
Ja, die Doppelspitze war bewusst gewollt. Thomas Bieber und ich kannten uns bereits aus der ehrenamtlichen Tätigkeit als Beiräte im bdia Bayern. Als wir 2023 gemeinsam angetreten sind, war eine bewusste Entscheidung für ein gemeinsames Führungsmodell.
Gerade ein Landesverband wie Bayern braucht unterschiedliche Perspektiven. Bayern ist flächenmäßig groß, und die Verbandsarbeit war lange stark im Süden konzentriert. Da wir beide aus Franken kommen, war es uns ein Anliegen, auch dieser Region eine stärkere Stimme zu geben und Veranstaltungen nicht nur in München, sondern auch in Nordbayern sichtbarer zu machen.
Gleichzeitig ergänzen wir uns auch persönlich und fachlich sehr gut. Wir sind unterschiedliche Charaktere, bringen unterschiedliche Temperamente, Sichtweisen und Arbeitsweisen mit. Genau darin liegt die Stärke. Eine Doppelspitze ist für uns kein Kompromiss, sondern ein Prinzip: Innenarchitektur entsteht nie aus einer einzigen Perspektive. Sie entsteht aus Dialog, Abwägung, Übersetzung und gemeinsamer Verantwortung. In diesem Sinne verstehen wir auch unsere Arbeit im Verband.
Nach den ersten zwei Jahren war klar: Wir haben Strukturen kennengelernt, Prozesse verstanden und erste Themen angestoßen. Um diese Arbeit weiterzuführen und eigene Ideen konsequenter voranzubringen, war es für uns sinnvoll, erneut gemeinsam zu kandidieren.
Wie verteilen Sie die Aufgaben innerhalb der Doppelspitze?
Wir haben keine starren Zuständigkeiten festgelegt.
Uns ist wichtig, flexibel zu bleiben und nicht in festen Ressorts zu denken. Der Verband lebt davon, dass Aufgaben dort aufgegriffen werden, wo gerade Energie, Kompetenz und zeitliche Möglichkeit vorhanden sind. Dieses Arbeiten ohne zu enge Festlegung macht unsere Zusammenarbeit sehr angenehm.
Entscheidend ist für uns weniger die formale Aufteilung als das gemeinsame Grundverständnis: Wir wollen den Landesverband als Netzwerk stärken, als fachliche Plattform und als berufspolitische Stimme für die Innenarchitektur in Bayern.
Was möchten Sie gemeinsam in Ihrer Amtszeit gerne bewirken?
Ein zentrales Ziel ist mehr Sichtbarkeit für die Innenarchitektur. Wir möchten deutlicher machen, welche Verantwortung Innenarchitektinnen und Innenarchitekten übernehmen – in öffentlichen Räumen, in Arbeitswelten, in Bildungsbauten, im Gesundheitsbereich, in Kulturbauten und vor allem im Bestand.
Ein zweiter Schwerpunkt ist die Vernetzung innerhalb Bayerns. Der bdia ist der einzige Berufsverband der Innenarchitekt:innen in Deutschland. Damit sind wir ein wichtiges Bindeglied zwischen unseren bayerischen Kolleginnen und Kollegen und der Bayerischen Architektenkammer, in der alle vier Fachrichtungen vertreten sind: Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung. Diese Rolle möchten wir aktiver ausfüllen – regional breiter, fachlich klarer und generationenübergreifend.
Ein dritter Punkt ist der Austausch zwischen Hochschulen, Büros und Verband. Thomas Bieber und ich führen beide eigene Büros. Wir erleben also sehr konkret, welche Anforderungen der Berufsalltag an Absolventinnen und Absolventen stellt. Deshalb möchten wir den Dialog mit den Hochschulen weiter stärken: nicht belehrend, sondern praxisnah. Es geht darum, junge Kolleginnen und Kollegen besser auf den Berufseinstieg vorzubereiten – fachlich, rechtlich, wirtschaftlich und kommunikativ.
Und schließlich möchten wir die Innenarchitektur dort positionieren, wo ihre Kompetenz besonders gefragt ist: beim Bauen im Bestand, bei Nutzungsänderungen, bei Umbauten, bei qualitätsvollen öffentlichen Innenräumen und bei der Umbauwende. Das ist für uns kein neues Trendthema. Es ist das, was viele Innenarchitektinnen und Innenarchitekten seit Jahren täglich tun.
Nach über zwei Jahren im Amt: Was ist anders, als Sie gedacht haben?
Ich habe noch deutlicher verstanden, wie stark ein Berufsverband vom persönlichen Engagement einzelner Menschen lebt. Von außen sieht man oft Veranstaltungen, Stellungnahmen oder Veröffentlichungen. Dahinter stehen aber viele Gespräche, Abstimmungen, kleine Schritte und sehr viel ehrenamtliche Zeit.
Ein Verband funktioniert nur mit einem guten Team – nicht nur im Vorstand, sondern auch mit aktiven Beiräten und engagierten Mitgliedern. Nur wenn viele Kolleginnen und Kollegen bereit sind, sich einzubringen, kann ein Landesverband wirklich etwas bewegen.
Überraschend war auch, wie komplex die Themen ineinandergreifen. Es geht nicht nur um Veranstaltungen oder Netzwerkpflege. Es geht um Berufsrecht, Nachwuchs, Sichtbarkeit, Kammerarbeit, Hochschulkontakte, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und politische Vertretung. Hinzu kommt die bundesweite Perspektive: Als Landesvorsitzende arbeiten wir im Bundesrat mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern zusammen. Dort zeigt sich, dass die beruflichen Rahmenbedingungen für Innenarchitektinnen und Innenarchitekten je nach Bundesland durchaus unterschiedlich sind – etwa bei Fragen der Bauvorlageberechtigung oder der Anerkennung durch Behörden.
Und ja: Der Zeitaufwand ist erheblich. Viele Termine, zu denen wir eingeladen werden, finden in München statt. Das ist wichtig, aber für einen Landesverband, der ganz Bayern vertreten möchte, auch eine strukturelle Herausforderung. Daher ist es auch hier von Vorteil, dass wir die Aufgaben aufteilen können.
Würden Sie jungen Innenarchitektinnen und Innenarchitekten empfehlen, sich selbstständig zu machen?
Ja – aber nicht romantisierend. Selbstständigkeit kann ein sehr guter Weg sein, wenn man Freiheit nicht mit Ungebundenheit verwechselt. Sie bedeutet gestalterische Eigenständigkeit, aber auch Verantwortung: für Mitarbeitende, für Baudamen und Bauherren, für Termine, Kosten, Verträge, Kommunikation und wirtschaftliche Stabilität.
Ich würde jungen Kolleginnen und Kollegen raten, mutig zu sein, aber nicht blauäugig. Gute Gestaltung allein reicht für eine Selbstständigkeit nicht aus. Man braucht ein klares Profil, unternehmerisches Denken, Kostenbewusstsein, Verhandlungssicherheit und ein solides Verständnis von Projektabläufen. Gerade junge Büros brauchen nicht nur gute Ideen, sondern auch Struktur: Verträge, Honorare, Akquise, Projektsteuerung und Positionierung.
Gleichzeitig sollten wir Selbstständigkeit wieder stärker als gestaltbaren Berufsweg erzählen. Viele junge Menschen sehnen sich nach Sinn, Wirksamkeit und Eigenverantwortung. Genau das kann ein freier Beruf bieten. Aber dafür braucht es Netzwerke, Mentoring, Fortbildung und Austausch. Hier können Kammer, bdia und erfahrene Kolleginnen und Kollegen wichtige Begleiter sein.
Der Fachkräftemangel betrifft auch die Innenarchitektur. Haben Sie Ideen, was speziell der bdia dagegen unternehmen kann?
Der Fachkräftemangel hat mehrere Ursachen. Es geht nicht nur um die Zahl der Absolventinnen und Absolventen. Es geht auch um Sichtbarkeit des Berufsbildes, um wirtschaftliche Rahmenbedingungen, um Berufseinstieg, um Teilzeitstrukturen, um Bürogrößen und um die Frage, wie attraktiv der Beruf langfristig wahrgenommen wird.
Der bdia kann hier an verschiedenen Stellen ansetzen. Zunächst müssen wir das Berufsbild früher und klarer sichtbar machen – in Schulen, an Hochschulen, in der Öffentlichkeit und gegenüber politischen Entscheidungsträgern. Viele Menschen wissen noch immer nicht genau, was Innenarchitektinnen und Innenarchitekten leisten und welche Verantwortung mit diesem Beruf verbunden ist.
Ein weiterer wichtiger Hebel ist die Brücke zwischen Studium und Praxis. Wir haben bereits ein Mentoringformat für Studierende. Darüber hinaus könnte man überlegen, ähnliche Formate auch für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger oder junge Selbstständige zu entwickeln. Gerade die ersten Berufsjahre entscheiden oft darüber, ob Menschen im Beruf bleiben, sich weiterentwickeln oder in andere Bereiche abwandern.
Der bdia kann außerdem durch seine Akademie, durch seine Jobbörse, durch Veranstaltungen, durch Hochschulkontakte und durch berufspolitische Arbeit dazu beitragen, Büros und Nachwuchs stärker zusammenzubringen. Wichtig ist dabei, die Attraktivität des Berufs nicht nur über kreative Projekte zu erzählen. Innenarchitektur steht für Verantwortung: für Bestand, Ressourcen, Nutzerinnen und Nutzer, öffentliche Räume, Arbeitswelten, Bildungsräume und soziale Qualität. Genau diese Verantwortung macht den Beruf relevant – und für junge Menschen interessant.
Was kann der VFB aus Ihrer Sicht unterstützen?
Der VFB kann uns vor allem dabei unterstützen, Innenarchitektur in Politik und Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. Als Verband der Freien Berufe hat er eine wichtige Brückenfunktion: zwischen Berufsständen, Politik, Verwaltung und Gesellschaft.
Unser Wunsch an den VFB ist deshalb, hier stärker als Türöffner zu wirken. Innenarchitektinnen und Innenarchitekten sollten bei ministeriellen Gesprächen, die unser Berufsbild und unsere Berufsausübung betreffen, selbst beteiligt sein. Denn viele Zukunftsfragen des Bauens liegen genau in unserem Kompetenzfeld: Umbau im Bestand, Nutzungsänderungen, öffentliche Innenräume, nachhaltige Materialentscheidungen, Barrierefreiheit, Bildungs- und Arbeitswelten.
Konkret geht es auch um Gleichbehandlung. Innenarchitektinnen und Innenarchitekten sind für bauliche Änderungen im Innenraum und damit für viele Bestandsaufgaben qualifiziert und bauvorlageberechtigt. Diese Kompetenz muss bei Bauämtern, öffentlichen Auftraggebern, Vergaben und Wettbewerben stärker bekannt sein. Auch digitale Verfahren wie der digitale Bauantrag dürfen keine Berufsgruppe formal oder technisch ausschließen.
Ein weiterer Punkt sind Gestaltungsbeiräte und Gestaltungskommissionen. Wenn Kommunen qualitätsvolle Entscheidungen treffen wollen, sollten dort idealerweise alle vier Fachrichtungen vertreten sein: Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung. Gerade bei Projekten im Bestand oder bei öffentlichen Innenräumen ist die Perspektive der Innenarchitektur unverzichtbar.
Gute berufspolitische Vertretung bedeutet aus unserer Sicht nicht nur, Themen weiterzureichen. Sie bedeutet auch, diejenigen mit an den Tisch zu holen, die diese Themen aus ihrer Praxis heraus verantworten. Genau dabei kann der VFB uns sehr konkret unterstützen.
Gibt es zum Schluss ein Thema, das Ihnen besonders wichtig ist?
Ja: Ich wünsche mir, dass Innenarchitektur stärker als Schlüsselkompetenz für die Umbauwende verstanden wird. Der Bestand ist nicht nur gebaute Substanz. Er ist kultureller Speicher, Ressource, Erinnerung und Zukunftsmaterial zugleich.
Wenn wir über nachhaltiges Bauen sprechen, sprechen wir sehr schnell über Energie, Technik und Material. Das ist wichtig. Aber wir müssen genauso über Nutzung sprechen. Über Anpassungsfähigkeit. Über Umnutzung. Über Räume, die weiterverwendet, neu interpretiert und sinnvoll transformiert werden können. Genau hier liegt eine zentrale Kompetenz der Innenarchitektur.
Innenarchitektinnen und Innenarchitekten arbeiten sehr nah am Menschen und sehr nah am Bestand. Wir sehen, wie Räume tatsächlich genutzt werden. Wir erkennen Potenziale, wo andere vielleicht nur Einschränkungen sehen. Wir übersetzen Anforderungen in räumliche Qualität – nicht abstrakt, sondern konkret: in Grundrisse, Materialien, Licht, Akustik, Orientierung, Atmosphäre und Nutzbarkeit.
Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen: „Innenarchitektur gestaltet nicht nur Räume, sondern Bedingungen. Bedingungen dafür, dass Menschen gut arbeiten, lernen, wohnen, ankommen, entscheiden, sich begegnen und sich wohlfühlen können. Diese Qualität ist kein Zusatz. Sie ist ein wesentlicher Teil einer verantwortlichen Baukultur“.