Interview mit Isabel Wagner,1. Vorsitzende im Verband der Restaurator:innen, LV Bayern

Was hat Sie dazu bewogen, sich für das Amt der Vorsitzenden im Landesverband Bayern zur Wahl zu stellen?

Ich bin schon zu Anfang meines Studiums in den Verband eingetreten und war damals sehr beeindruckt vom ehrenamtlichen Engagement des Vorstands und der Mitglieder. Über die Jahre konnte ich mitverfolgen, wie dieser Einsatz konkrete Verbesserungen für unseren Berufsstand bewirkt hat – eine große Motivation dafür, mich selbst zu engagieren und als Vorsitzende der Landesgruppe zu kandidieren. Die Möglichkeit – aber auch Verantwortung – direkt die Richtung und den Fokus der Verbandsarbeit mitzubestimmen sowie eigene Anregungen und Themen einzubringen ist ein großer Antrieb geblieben und ich bin mit großer Freude dabei! Die Landesgruppenarbeit ist geprägt vom engen Kontakt zu unseren Mitgliedern und gleichzeitig zum Präsidium des Verbandes, was für mich den besonderen Reiz dieser Position ausmacht.

Was möchten Sie in Ihrer aktuellen Amtszeit gerne bewirken?

Mir ist die Vernetzung unserer Mitglieder ein großes Anliegen. Unser Beruf ist geprägt von Interdisziplinarität und von spannenden Herausforderungen, für die wir immer wieder neue Lösungsideen entwickeln müssen. Ich möchte durch Exkursionen und Treffen unseren Mitgliedern die Möglichkeit geben, Kontakte zu knüpfen, auf die sie für zukünftige Projekte zurückgreifen können. Dabei denke ich nicht nur an unser eigenes Feld, auch die Verbindung mit „artverwandten“ Berufen sehe ich für beide Seiten als sehr bereichernd an. Ich möchte hier Barrieren abbauen und motivieren, ins Gespräch zu kommen – denn für den Erhalt von Kulturerbe braucht es uns alle!

Ein weiteres wichtiges Thema ist für mich die Öffentlichkeitsarbeit, denn die hervorragende Arbeit unserer Mitglieder geschieht zumeist im Hintergrund. Die Expertise der Restaurator*innen, die hohe Qualifikation und die vielfältigen Tätigkeiten sind daher vielen nicht präsent – das möchte ich gerne ändern. Mit der Bekanntheit des Berufs und der Kriterien qualitätvoller Arbeit sichern wir nicht nur den fachgerechten Erhalt unseres Kulturerbes, sondern wirken auch dem Fachkräftemangel entgegen, mit dem auch wir immer mehr zu kämpfen haben. Viele Menschen wissen beispielsweise gar nicht, dass der Zugang zum Beruf ein spannendes Hochschulstudium erfordert, das Naturwissenschaften, Kunst, Geschichte und so viel mehr in sich vereint.

Im Vorstand der Landesgruppe stehe ich dabei nicht allein – meine Kollegin Mareike Stöber pflegt seit über zwei Jahren sehr aktiv unsere Verbindung zum VFB und bringt wichtige Themen und Impulse direkt in die Landesgruppenarbeit ein. Doris Zeidler ist ebenfalls mit großem Engagement dabei und mit ihrer Perspektive als Selbstständige eine wunderbare Ergänzung.

Gibt es spezielle frauenspezifische Themen, die Sie im Verband der Restaurator*innen gerne bewegen möchten?

Als Restauratorinnen stehen wir selten im Mittelpunkt, wir streben an, keine eigene Handschrift zu hinterlassen, sondern uns hinter den Künstlerinnen zurückzunehmen. Ich möchte besonders die Kolleginnen motivieren, diese Zurückhaltung und Bescheidenheit aufzugeben, wenn es um Führungspositionen, die Kommunikation und Repräsentation unseres faszinierenden Berufes und unsere Rolle im Kulturguterhalt geht – vor diesem Hintergrund freue ich mich besonders, dass wir seit November dieses Jahres mit der Wahl von Nadine Thiel als Präsidentin erstmals eine Frau an der Spitze unseres Berufsverbandes haben!

Im VDR spielen frauenpolitische Themen generell eine wichtige Rolle: Insgesamt ist der Anteil von Frauen in unserem Beruf ist in den letzten Jahren stark angewachsen und damit auch die Dringlichkeit von Themen wie beispielsweise die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele sind Solo-Selbstständige, was bei Schwangerschaft und Geburt unter anderem wegen des fehlenden gesetzlichen Mutterschutzes besondere betriebliche Risiken mit sich bringt. Der VDR ist 2024 dem Bündnis Mutterschutz e.V. beigetreten und unsere Kollegin Patricia Schering vertritt dort die Perspektive der Restaurierung. Ich unterstütze dieses Engagement sehr, denn ich denke, dass hier Veränderungen dringend notwendig sind, um die Selbstständigkeit und den Beruf attraktiv zu halten.

Hat sich das Berufsbild der Restaurator*innen in den letzten 5 Jahren geändert, und wenn ja, wie?

Ja, unser Berufsbild hat bereits in den letzten Jahrzehnten einen enormen Wandel durchgemacht – von einer eher handwerklich geprägten Arbeit hin zu einer wissenschaftlich basierten und interdisziplinären Tätigkeit, wie wir sie heute ausüben. Und die Entwicklung geht immer weiter: mein Eindruck ist, dass in den letzten 5 Jahren das Auftreten von Extremwetterereignissen und anderen Katastrophen den Fokus auf unseren Beitrag bei der Rettung von Kulturgütern gelenkt hat. Der Klimawandel, die internationale politische Lage und der Sanierungsstau in vielen öffentlichen Gebäuden wird das Risiko für Schäden an Kunst- und Kulturgut erhöhen. Die Einbindung von Restauratorinnen in die Notfallplanung und die Ausbildung von Kolleginnen auch für den internationalen Einsatz wird unser Berufsbild mit Sicherheit auch in Zukunft noch verändern.

Welches ist Ihrer Meinung nach aktuell die größte Herausforderung für Restaurator*innen, und wie unterstützt Ihr Verband die Mitglieder diesbezüglich?

Ich bekomme im Austausch mit unseren Mitgliedern mit, dass die soziale Absicherung für viele ein großes Thema ist. Darunter fällt vor allem das Erzielen von auskömmlichen Honoraren in der Selbstständigkeit und damit auch die Möglichkeiten der Altersvorsorge oder die Absicherung der eigenen Arbeitskraft. Der Verband hat sich hier in den letzten Jahren sehr eingesetzt und beispielsweise Honorarempfehlungen herausgegeben, die bereits von vielen Mitgliedern genutzt werden. Zudem bieten wir Seminare und Webinare beispielsweise zum Thema Existenzgründung, Honorarverhandlungen und Versicherungen an, über welche die Mitglieder sich weiterbilden können. Gleichzeitig ist auch die gerechte Bezahlung unserer Mitglieder im öffentlichen Dienst ein wichtiges Thema – der Tarifvertrag der Länder stammt noch aus dem Jahr 1968 und entspricht nicht mehr unseren Tätigkeiten und dem gewandelten Berufsbild. Zusammen mit ver.di engagiert sich der Verband für eine Erneuerung des Tarifvertrags. In Zeiten von massiven Einsparmaßnahmen im Kultursektor kein leichtes Unterfangen – aber wir bleiben dran!

Vor kurzem fand der der Europäischen Tag der Restaurierung statt, das diesjährige Motto lautete: „Wir erhalten, was uns bewegt“.

Auch in München haben viele Museen und Institutionen mitgemacht, wie war das Interesse der Menschen in München an den Veranstaltungen?

Von unseren Mitgliedern habe ich die Rückmeldung bekommen, dass das Interesse ungebrochen groß ist – inzwischen hat sich der Tag der Restaurierung bei vielen Interessierten als fester Termin etabliert, an dem sie sich gezielt über das Programm in München und ganz Bayern informieren. Wir bekommen immer wieder begeistertes Feedback und auch dieses Jahr war das Interesse trotz des guten Wetters sehr groß!

Zum Schluss als eigenes Thema:

Was mir Sorge bereitet, ist die Zukunft unseres Berufes – schon jetzt haben, wir wie schon erwähnt, in einigen Fachbereichen mit massivem Fachkräftemangel zu kämpfen und dennoch werden immer mehr Studiengänge geschlossen. Sie fallen Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen zum Opfer, doch ohne diese Studiengänge und den entsprechenden hochqualifizierten Absolvent*innen ist der Erhalt unseres Kulturerbes nicht möglich. Bayern ist zu Recht stolz auf seine zahlreichen erstklassigen Museen, Schlössern und Kirchen – aber hat selbst keinen grundständigen Studiengang der Restaurierung mehr, um die Zukunft dieser Schätze zu sichern. Wir müssen alle gemeinsam daran arbeiten, dass dieses einzigartige Erbe den zukünftigen Generationen erhalten bleibt und da bin ich dankbar, dass wir mit dem Verband der Freien Berufe einen starken Partner an unserer Seite haben!


© Verband Freier Berufe Bayern e.V.